Verleihung des

Bürgerkulturpreises des Bayerischen Landtags

am 04.12.2002

Rede von Herrn Landtagspräsidenten Johann Böhm

Vor etwa zehn Jahren erschien ein Buch eines Wirt­schaftsberaters mit dem Titel „Management by love“. „Management“ und „love“, das erschien damals vielen Lesern zunächst ähnlich widersprüchlich wie etwa Feuer und Eis oder Himmel und Hölle. Dem Autor ging es darum, scheinbar starre Gegensätze aufzubrechen. Er wollte zeigen, dass in einem Unternehmen Mensch­lichkeit und Verständnis für die Mitarbeiter mindestens ebenso wichtig sind wie Fachwissen, klares Kalkül und nüchterne Strategie. Diese Anstöße haben eine durch­greifende Wirkung erzielt. Heute wird das humane Kapital, das, was die Mitarbeiter zum Gelingen beitra­gen, ebenso hoch eingeschätzt wie die Vorgaben des Managements. Einsatzbereitschaft, problemlösendes Denken, Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusst­sein sind als Schlüsselqualifikationen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen anerkannt. Es zeichnen sich Konturen einer Gesellschaft ab, die Gemein­sinn, Solidarität, soziales Engagement und praktiziertes Miteinander wieder als zentrale Werte her­vorhebt. Diese Entwicklung ist sehr zu begrüßen. Unsere Gesellschaft benötigt - an allen Ecken und En­den - leistungsbereite und einsatzfreudige Menschen, die sich nicht als Ein­zelkämpfer verstehen, sondern ihr Engagement in den Dienst der Allgemeinheit stellen.

Heute ehrt der Bayerische Landtag Menschen, die diese Herausforderung angenommen haben. Sie stehen stellvertretend für Viele, die - so könnte man in Anlehnung an den zitierten Buchtitel sagen - eifrige und erfolgreiche „manager by love“ sein wollen. Mit Einfalls­reichtum, Zähigkeit und Liebe zu ihrer Sache setzen sie sich für Andere ein. Das wollen wir ausdrücklich mit der Verleihung des Bürgerkulturpreises 2002 des Bayeri­schen Landtags öffentlich würdigen. Dazu heiße ich Sie, meine Damen und Herren, rechtzeitig zum „Tag des Ehrenamts“, der morgen stattfindet, sehr herzlich will­kommen.

Ich begrüße die Kolleginnen und Kollegen aus dem Bayerischen Landtag, insbesondere die beiden Vize­präsidenten, Frau Kollegin Roswitha Riess und Herrn Kollegen Dr. Helmut Ritzer. Er war gleichzeitig Mitglied des Beirats, der über die Vergabe des Bürgerkultur­preises entschieden hat. Der Beirat setzt sich zusammen aus Vertretern der Fraktionen des Landtags, des bayerischen Städte- und Gemeindetags sowie des „Vereins Landtagspresse - Landespresse­konferenz Bayern“. Gerne danke ich allen Beteiligten an dieser Stelle sehr herzlich für ihre konstruktive Arbeit bei der Auswahl der diesjährigen Preisträger.

Des weiteren gilt mein Gruß dem Vorsitzenden der CSU-Fraktion, Herrn Kollegen Alois Glück (dem die aktive Bürgergesellschaft bekanntermaßen ein politi­sches Herzensanliegen ist), dem Vorsitzenden der SPD-Fraktion, Herrn Kollegen Franz Maget, sowie dem Vorsitzenden der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Herrn Kollegen Dr. Sepp Dürr. Auch er ist Mitglied des genannten Beirats. Das Gleiche gilt für Herrn Dr. Peter Motsch, den ich als berufsmäßigen Stadtrat von Würz­burg und als Vertreter des Bayerischen Städte­tags sehr herzlich willkommen heißen darf. Herr Dr. Motsch wird anschließend als Sprecher des Beirats die Preis­verleihungen begründen. Als Mitglieder des Beirats begrüße ich ebenso Herrn Kollegen Prof. Dr. Gerhard Waschler sowie seinen diesjährigen Vertreter, Herrn Kollegen Helmut Brunner.

Mein Gruß gilt dem Amtschef des Bayerischen Land­tags, Herrn Ministerialdirektor Peter Maicher. Ferner begrüße ich die Damen und Herren der Presse, beson­ders den Vorsitzenden des Vereins Landtagspresse, Herrn Rudolf Erhard, der ebenfalls im Beirat mitgear­beitet hat. Ich begrüße ebenso die beiden Damen, die dieser Feier einen stimmungsvollen musikalischen Rahmen verleihen. Harfe und Geige passen nicht nur in die „staade Zeit“ des Advents; sie zeigen ebenso, dass Wertvolles auch mit leiseren Tönen eine große Wirkung entfaltet.

Ganz besonders herzlich heiße ich schließlich die Preisträgerinnen und Preisträger willkommen:

Ø      aus Bayreuth den Verein AGUS (Angehörige um Suizid)

Ø      aus Würzburg das Internetcafé „Von Senioren für Senioren“.

In der deutschen Sprache können mitunter recht kom­plexe Sachverhalte in einem einzigen, aber langen Wort zusammengefasst werden. Das ist praktisch, aber auch tückisch. Jeder, der sich schon einmal an der „Flug­rückholkostenversicherung“ und ähnlichen Wortunge­tümen die Zähne ausgebissen hat, weiß ein Lied davon zu singen. Vergleichsweise harmlos hört sich da der „Bürgerkulturpreis“ an. Trotzdem lohnt es sich, über die drei Elemente des Wortes nachzudenken:

Erstens: Es ist kein allgemeiner „Kulturpreis“, sondern ein Bürgerkulturpreis. Bürger oder Bürgerin zu sein, setzt voraus, dass man zu einem Staat oder Gemein­wesen gehören will. Bürgerinnen und Bürger sind also Menschen, die sich als Mitglieder eines Gemeinwesens verstehen und auch bereit sind, nicht nur ihre Bürger­rechte zu nutzen, sondern auch die damit verbundenen Pflichten zu übernehmen. Um solche aktiven Bürgerin­nen und Bürger geht es heute.

Zweitens:

Es ist ein Bürgerkulturpreis.

Kultur wird ja höchst unterschiedlich definiert. Das ist auch ganz natürlich; denn sie hat viele Gesichter. Sie ist keine eindimensionale, ein für allemal fest stehende Erscheinung. Sie ist ständig in Bewegung. Für den Schriftsteller André Malraux ist Kultur alles, was dem Menschen im Verlauf von Jahrtausenden erlaubt hat, „weniger Sklave zu sein“. Demnach hat Kultur viel mit Freiheit zu tun. An dieser Stelle berühren sich der Kulturbegriff und der Bürgerbegriff. Bürger-Kultur ist eine in der Verantwortung des Einzelnen freiwillig für das Ganze wahrgenommene Freiheit. Wer in die­sem Sinn tätig wird, bereichert nicht nur die eigene Orts- oder Stadtkultur, sondern setzt auch ein Zeichen für mehr Lebendigkeit, Spontaneität und Hilfsbereitschaft in der ganzen Gesellschaft. Echte Bürger-Kultur dringt wie ein Sauerteig hinein in alle Schichten der Bürgerschaft. Ihre Kraft liegt darin, dass sie ohne große staatliche Reglementierung und Regulierung wirkt. Wir sind heutzutage an einem Punkt angelangt, wo das unverzichtbar geworden ist, da sich der Staat zunehmend auf seine Kernaufgaben besinnen muss.

Damit bin ich beim dritten und letzten Wortbestandteil angelangt, dem Preis. Preis, das bedeutet zunächst einmal 26.000 €, die heute vergeben werden. Ich weiß, wie nötig das Geld an den einzelnen Stellen gebraucht wird. Trotzdem möchte ich auch den symbolischen Wert dieses Preises betonen. Das bürgerschaftliche Engagement der Persönlichkeiten und Organisationen, die wir heute ehren, trägt dazu bei, das Leben des Ein­zelnen und der Gesellschaft menschlicher und sinn­erfüllter zu gestalten. Wesentliche Fragen der Qualität unseres Zusammenlebens können weder durch die Politik noch durch finanzielle Mittel gelöst werden. Des­halb ist der Ruf nach mehr freiwilligem Engagement keine hilflose Reaktion auf leere Kassen. Die aktive Bürgergesellschaft ist keine Spar-Aktion, sondern gibt eine sinnvolle Antwort auf drängende Fragen unserer Zeit.

Damit zusammenhängend hat der Bürgerkulturpreis des Bayerischen Landtags ein weiteres symbolisches Ziel, nämlich die Leistungen, die so oft im Verborgenen geschehen, ein Stück weit ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Er wird gemäß dem Kriterienkatalog verliehen an „Verbände, Vereinigungen, juristische Personen, Selbsthilfeeinrichtungen und natürliche Personen, die neue Initiativen zur Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger in die Entwicklung von Staat und Gesellschaft“ ergriffen haben.

Damit will ich mich nun mit ein paar grundsätzlichen Bemerkungen den Preisträgern zuwenden. Die deutsche Sprache kennt für das Wort „sterben“ über 100 Synonyme. Diese sprachliche Vielfalt ist aber kein Indiz dafür, dass wir leicht und viel über den Tod sprechen. Im Gegenteil: Wir benutzen beschönigende Umschreibungen wie „die Augen schließen“, „einschla­fen“ oder „von uns gehen“, um uns zumindest sprach­lich ein Stück weit am Tod „vorbeizumogeln“. Sterben ist, das erfahren wir immer wieder, ein gesellschaftli­ches Tabuthema. Das gilt umso mehr, wenn es sich um einen Suizid handelt. Gewiss: Heute wird auch über dieses Thema mehr gesprochen und geschrieben als früher. Aber allzu oft liefern Suizide leider nur Schlag­zeilen in der Sensationsberichterstattung. Die Situation der Zurück­bleibenden spielt kaum eine Rolle im öffent­lichen Bewusstsein. Diesem Defizit begegnet der Verein AGUS (Angehörige um Suizid) in Bayreuth. Für seine vielfältigen Initiativen, den betroffenen Ange­hörigen schnelle und wirksame Hilfe zu gewähren, wird er heute mit dem Bürgerkulturpreis ausgezeichnet.

Ausgezeichnet wird ebenfalls das Internetcafé „Von Senioren für Senioren“ in Würzurg. Der Platz der älte­ren Menschen ist in der heutigen Gesellschaft nicht mehr eindeutig festgelegt. Früher fügten sich die Men­schen ganz natürlich in größere Gemeinschaften ein wie in ihre Familien, ihr Dorf oder ihre Stadt. Heute gibt es viele andere Optionen. Deshalb sind die modernen Menschen mehr gefordert als ihre Vor­gänger. Sie müssen die Notwendigkeit und die Vorteile von freiwilli­gen Gemeinschaftsbezügen einsehen, sonst isolieren sie sich auf die Dauer. Die Mitglieder des Internetcafés haben dies erkannt. Sie entwickeln individuelle Gestal­tungsmöglichkeiten für ihr Leben. Sie sind neugierig, aktiv, aufgeschlossen und kritisch und suchen den Austausch mit der jüngeren Generation. Sie machen dadurch bewusst, dass die Entwicklung der Gegenwart auf den Vor-Leistungen und Vor-Bildern der Älteren aufbaut.

Im Namen des Bayerischen Landtags und persönlich spreche ich allen Mitgliedern der beiden genannten Organisationen für ihre Arbeit Dank und Anerkennung aus. Sie leisten auf spezielle Weise einen Beitrag zur Gestaltung einer sozialen, zivilen Gesellschaft mit menschlichem Antlitz. Ich kann nur wünschen, dass ihr Beispiel zahlreiche Nachahmer und „Mitmacher“ findet! Zur Auszeichnung mit dem Bayerischen Bürgerkultur­preis gratuliere ich ihnen sehr herzlich.